Menschen, die auf Handys starren *)

 

Da meint man, man habe schon alles gesehen und alles erlebt. Wer aber einmal seine Mitmenschen aufmerksam beim mobilen Telefonieren beobachtet, findet binnen kurzer Zeit genügend Anregungen für eine wissenschaftliche Studie. Sollten Sie zu meiner Altersklasse und damit zu den sogenannten Baby Boomern gehören (die, deren Geburtsjahr mit 195 bis 197 anfängt), dann kennen Sie die einst erlernte typische Handhaltung beim Telefonieren: Die rechte oder auch linke Hand seitlich an der jeweiligen Kopfseite, das obere Ende des Hörerknochens am Ohr.  Sinnvollerweise befand sich dadurch das untere Ende in Mundnähe, was für das dort befindliche Mikrofon höchst vorteilhaft war. Fortgeschrittene kennen noch die mit diesen ortsgebundenen Geräten verknüpfte Abhängigkeit von der häuslichen Anschlussstelle in der Wand und der Kabellänge bis zum eigentlichen Telefon. Und die dadurch nur bedingt einzuhaltende Privatsphäre bei ultralangen Telefonaten in der Pubertät – ach lassen wir das.

Die ersten Handys hatten ja noch die Ausmaße und das Gewicht eines heutigen Bordkoffers und wurden als „mein C-Funktelefon!“ stolz am langen Arm herumgetragen. Spätere Modelle besaßen Klappen, mit denen man das Gerät zum einen einschaltete und zum anderen, wir erinnern uns, die notwendige Distanz an der Kopfseite zwischen Ohr und Mund überbrückten. Das Kabelproblem entfiel unterwegs, ebenso die ständige Suche nach zwei oder drei Groschen und einer gelben Schutzzone mit funktionierendem Münztelefon.

Irgendwann fiel mir, im Café sitzend und vorbeigehende Passanten (deshalb heißen die so!) beobachtend, auf, dass irgendjemand offenbar das Videotelefon erfunden und an mir vorbeigeschmuggelt hatte. Besonders die jüngeren Handynutzer trugen ihr Gerät vor sich her und starrten auf das Display, auf dem sich gerade offenbar äußerst Spannendes abspielte. Facetime, Videotelefonie ans andere Ende der Welt, skypen, irgendsowas. Irgendwann konnte ich bei einem dieser Strategen auf der Kaufhausrolltreppe mal über die Schulter auf den Bildschirm schauen und sah – nichts, nur den Namen und die Rufnummer des Gesprächspartners. Was um aller Welt ging denn hier ab? (Pokemons wurden noch nicht gejagt, das kam erst später).

Ein bisher von der Wissenschaft offenbar unentdecktes gesellschaftliches Phänomen. Unerhört! Nee, das wiederum stimmt nicht, denn natürlich muss bei dieser Hand(y)haltung ja die nun längere Distanz zwischen Lautsprecher und Ohr überbrückt werden, also hören auch alle Umstehenden mit, was Schatzi so zurückflüstert. Die stylischeren unter diesen modernen Nutzern halten das Gerät fast waagerecht in Mundhöhe, etwa so wie man ein belegtes Knäckebrot halten würde. Ohne hineinzubeißen natürlich, aber man muss ja auch ins Mikrofon sprechen. Das Display bleibt dabei weitgehend schwarz, und ein wichtiges Feature moderner Handys soweit ungenutzt.

Ich habe mich lange dran gewöhnt, dass solche Schocksituationen mich immer wieder ans Älterwerden erinnern. Erstmals, als mein damals etwa neunjähriges Patenkind einst fragte, was denn das für komische schwarze Plastikscheiben im Keller seien, so mit einem kleinen Loch in der Mitte? Die etwas Jüngeren wissen mit CD’s kaum noch etwas anzufangen, und dass wir eins mit Bleistiften unsere liebsten Cassettenaufnahmen bei Bandsalat retten könnten, löst heute nur Staunen aus.

Ab jetzt beiße ich auch (fast) in mein Handy, wenn ich unterwegs telefoniere, man will ja nicht als Ewiggestriger und Techikfeind auffallen. Alexa, lies mir die letzte Passage noch einmal vor!

 

*) (Sprachlich korrekt lautet der Plural sicher Handies, das hab ich aber noch nirgends gelesen).

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