Brain-Dump 1.0

Wüste Zeiten sind das. Seit neun Monaten beutelt uns Corona, mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Menschheit, sei es wirtschaftlich, gesundheitlich oder einfach zwischenmenschlich.
Brain artificial
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Als Home-Office-Arbeiter hatte ich sozusagen schon einen Vorsprung vor allen anderen, die zwangsweise von daheim aus arbeiten und sich erst einmal organisieren mussten. Auch lassen sich fertige Texte ohne jeden persönlichen Kontakt erstellen, verarbeiten und an den Empfänger weiterleiten, die passenden Bilder gleich mit. Die Fachredaktionen und andere Kunden hatten die Krise auch verhältnismäßig unbeschadet (bis jetzt) überstanden und blieben als Abnehmer meiner Artikel erhalten.

Trotzdem machte mir die Lethargie zu schaffen, weil ich meine Kreativität regelmäßig aufs Neue anschubsen muss und sie nicht wie eine Leuchte nach Belieben anschalten kann (sollte es Ihnen anders gehen, bitte Nachricht). Für neue Geistesblitze und die Erkenntnis bisher übersehener Zusammenhänge reicht gewöhnlich eine Tasse Cappuccino in einem meiner Lieblingscafés und das simple Beobachten der vorbeiflanierenden Menschen. Schon zücke ich mein Notizbuch und einen kleinen kompakten Stift, denn von der Handschrift gehen die Ideen direkt ins Hirn. Die versuchsweise ausprobierte und scheinbar praktischere Möglichkeit, die Sätze in meinem Smartphone zu parken, hatte ihren Charme und ihre Chance – ersterer ist verpufft, weil sich die Texte doch nicht sehr fest im Hirn verankerten. Und zweitens sind die Möglichkeiten des iPhone-Notizblocks schon von der Kompaktheit des Geräts her Grenzen gesetzt, zumal meine Fingerdicke nicht kompatibel mit den winzigen Buchstabenflächen der virtuellen Tastatur. Und schließlich neigt mein digitales Alter Ego wie sein Vorbild dazu, besonders wichtige Dinge einfach zu vergessen (ja, ich weiß, das Problem schaut immer von außen aufs Display, nicht von innen).

Seit Jahrzehnten schon schwirrt eine Idee durch meinen Kopf, die sich durch tausende anderer Synapsenverknüpfungen hindurch immer mal wieder den Weg an die Oberfläche bahnt: Wie wäre es mal mit einem Brain-Dump? Seit mein betagter C64, auf dem ich Ende der 80er Jahre meine Magisterarbeit verfasst hatte, auf Knopfdruck, unsortiert und bis zum letzten Bit seinen Speicherinhalt auskotzte, fasziniert mich dieser Gedanke daran, die unzähligen Ideen, Fragmente und auch die als unsinnig eingestuften Klöpse auf Knopfdruck auslesen zu können. Zwar verfügt mein Hals offenbar über keinen seitlichen USB-Anschluss, aber heutzutage müsste so etwas durch per WLAN, Bluetooth oder NFC auszulesen sein. Was sagt denn das Web dazu?

Oh nein, Brain-Dump, so dachte ich bis zu diesem Punkt des Textschreibens, sei eine nur mir seit Dekaden bekannte, höchst futuristische Methode zur Ideenspeicherung (und vor allem -Sicherung, denn nur was man schwarz auf weiß auf Papier besitzt, ist verlässlicher als ein unerwartet verreckender Computer). Es hat sich was getan, alle möglichen Management-Websites, Handbücher und sogar die „Brigitte“ berichten über meine Idee, als wäre das ein selbstverständliches Tool, wie es neudeutsch heißt. Holen Sie sich eine Tasse Kaffee oder Tee und geben Sie mir etwas Zeit, mich auf eine rasche Internet-Recherche zu begeben und mich auf den Stand der Dinge zu bringen. Es kann dauern, sehe ich schon, also brechen wir Folge 1 ab und ich melde mich zurück, wenn die Idee, wie jahreszeitlich parallel die gelesenen Trauben, in einem Bottich ein wenig gären konnte.