Ich steak im Dilemma

Die MAREDO-Restaurantkette geht in die Insolvenz – und mir gehen fast fünf Jahrzehnte Steak-Geschichte durch den Kopf.

NEU – mit Happy End am Ende des Beitrags!

Mein erstes Mal, ja, das war im August 1973 – in „Link’s Weinstube“ in Wiesbaden-Schierstein. Dort aß ich, gerade 16 Jahre alt und mit meinem Verein unterwegs, mein erstes Rumpsteak. 4/5 des Fleisches war pure Fleischeslust, der Rest ein für mich ekliger, leider bis dahin unter einer Pfeffersauce versteckter Fettrand. Ich lernte, dass Rumpsteaks immer einen Fettrand haben und dass ich sie folglich mein Leben lang meiden würde.Huftsteaks sind mein Liebstes, auch ein Filetsteak kann mich da kaum locken. Ich wurde dann, wenige Monate später auf einer Jugendfahrt, mit dem ersten Besuch im Chrrasco in Braunschweig, in die höheren Weihen der argentinischen Steak-Kunst eingeführt. Zugleich lernte ich die göttliche Kombination mit einem frischen Salat vom Büffet und einem Estragon-Dressing kennen, und seither waren ein bis zwei monatliche Besuche in den Steakhäusern der Republik fast eine Pflichtübung.  Ich konnte mich immer darauf verlassen, dass ich in einer fremden Stadt am ersten Abend keine riskanten Restaurant-Versuche eingehen musste, sofern es dort auch ein Churrasco- oder ein MAREDO gab. Das 250er Huftsteak, medium rare gebraten, mit Steaksauce, einer Ofenkartoffel plus Sourcreme, dazu „Salat bis zum Abwinken“ und Tarragon-Dressing – das hätte als Charakteristikum mit auf meine Visitenkarte gehört.

Das Leben mit MAREDO war indes nicht einfach. Als ich Volontär bei einem Stuttgarter Verlag wurde, anno 1987, galt ich in einer der damals zwei Filialen am Ort als Stammgast. Bis die Leitung der Kette 1988 oder 89 entschied, das Tarragon-Salatdressing aus der Karte zu nehmen. Mit mehreren empörten Fans (man kannte sich ja zumindest vom Sehen) gründeten wir die Tarragon-muss-bleiben-Fangruppe. So etwas wie Facebook gab es ja noch nicht, aber wir schrieben alle Manfred Holl per Post an, einen der drei legendären Gründer (das Ma im Namen), das hatten wir journalistisch schlau ermittelt. Notfalls auch mehrfach und mit Abwanderung drohend. Mit Erfolg – bis heute gehört das Tarragon-Dressing dazu.

Wer kann sich heute noch daran erinnern, dass einem nach den ersten Steakbissen der Kellner im letzten Jahrtausend noch ein Extra-Schälchen mit Sauerrahm für die Kartoffel nachreichte, die natürlich in Alufolie gegart wurde? Dass es zum Nachtisch einen (grässlichen) Zoco-Schnaps gab oder die Check-Out-Kasse am Ausgang statt des Zahlens am Tisch? Bis zum Lockdown im Herbst wurde ich jedes Mal beim Bestellen gefragt, ob ich einen Gutschein für wasauchimmer hätte? Hatte ich nie, ich habe auch nach einem traurigen Blick zur Kellnerin nie einen als Trost erhalten, so für’s nächste Mal dann eben. Zum Schluss ging es eher darum, den Gast darauf hinzuweisen, dass wegen des eigentlich unter Insolvenz seit Frühjahr 2020 laufenden Betriebs Gutscheine nicht mehr angenommen werden konnten – eine späte ausgleichende Gerechtigkeit, scheint es mir.

Auch der Zusammenschluss mit der Churrasco-Kette (und damit deren Auflösung) im Jahr 2000 tat meiner Steak-Begeisterung keinen Abbruch. Mancher Versuch in weitaus teureren, aber nicht unbedingt besseren Steakhäusern  folgte in den Jahrzehnten, auch habe ich im Dortmunder Stammrestaurant ganze Kellner-innen–Generationen kommen und gehen sehen, plauderte gern mit den Geschäftsführern und sparte auch nicht mit Kritik, als „mein“ knackiger Eisbergsalat plötzlich nicht mehr zu den Basics der Salatbar gehörte und durch Nudelsalat und ähnliches Saucengematsche ersetzt wurde. Auch die „All you can eat“-Salat-Option, die einige Gäste wohl exzessiv genutzt hatten, wurde drastisch verteuert. Ich protestierte pro Eisbergsalat eine Zeitlang durch Salatbar-Verweigerung und stattdessen Gemüsebeilagen. Dann hatte ich mich damit arrangiert, nur dann noch zu salatieren, wenn eben Eisbergsalat vorhanden war. Und das geschah dann doch nach und nach wieder öfter – vielleicht haben andere Stammgäste ebenso reagiert?

Die Zeit der Boomer-Generation, die Steaks in speziell darauf ausgerichteten Restaurants verzehren, die sei eben vorbei, las ich in einem der Nachrufe auf die MAREDO-Insolvenz Anfang Januar. Eine Sache der neuen Geschlechterrollen sei das, weil Männer nicht mehr als tumbe Carnivoren und Frauen nicht mehr nur als Fitness-Salatpicker gesehen werden wollten. Es sind doch nicht plötzlich alle Vegetarier geworden, Döner-Fans oder der vietnamesischen Küche! Auf Corona lässt sich die Ketten-Schließung nicht zurückführen, das behauptet die Geschäftsführung auch ehrlicherweise gar nicht erst. Nur war, etwa in Dortmund, der Betrieb nach der ersten Welle Mitte 2020 gerade wieder erfolgreich, mit weniger Personal und auf Sparflamme angelaufen, aber dann…

Ich selbst habe dem Untergang vielleicht sogar nachgeholfen, scheint mir, durch den Kauf (aber nur seltenen Einsatz) eines klassischen Weber-Kugelgrills auf der Terrasse und den Fleischerwerb bei einem speziell auf Filets ausgerichteten Shop in der Innenstadt. Der ging mittlerweile auch pleite, aber eher durch eine langjährige Dauerbaustelle vor seinem Laden. Dass man MAREDO-Steaks auch bei EDEKA günstig am Stück kaufen und daheim verzehren konnte, das wird doch wohl nicht auch noch schuld daran sein, oder? Habe ich dadurch nicht eher den Laden am Laufen gehalten?

Als ich mich Ende Oktober, einen Tag vor dem Lockdown und nach einem ausnahmsweise größeren Huftsteak und sogar Nachtisch, von den mir bekannten langjährigen Kellnern und dem Geschäftsführer verabschiedete, hofften wir alle, uns möglichst bald „danach“ hier wiederzutreffen. Das haben die Gäste auf der Titanic wohl auch gedacht, als das Licht plötzlich ausfiel.

Ich grille also daheim weiter, bis die Restaurants wieder öffnen und ich dort meinen Tribut zolle und die Gastronomie so unterstütze. Vielleicht gibt es auch wieder ein „Maredo“, über den Verkauf der Marke denke der Insolvenzverwalter nach, hieß es. Aber so wie früher wird’s nie wieder sein. Man kennt das ja.

Oder doch? Dieses Update im August 2021 ist immens wichtig. Denn im Urlaub, irgendwo in Schleswig-Holstein, las ich im Juli eine äußerst erfreuliche Meldung in den Dortmunder RUHR-NACHRICHTEN. Online natürlich, man ist ja selbst als Fast-Rentner digital unterwegs. Darin stand, dass MAREDO Dortmund gerettet sei und schon Anfang August wieder eröffnen sollte! Meine Frau dachte, wir hätten im Lotto gewonnen, so laut muss mein Jubel gewesen sein!

Inzwischen weiß ich mehr dazu, habe auch beim ersten Wiedersehen nach der Neueröffnung mit Herrn Asici, dem alten und neuen Betriebsleiter gesprochen. Wir hatten schon bei früheren Besuchen über dies und das geplaudert, etwa einmal über eine schlecht lesbare handbeschriebene Tafel mit dem Angebot des Tages. Oder wenn, was meistens vorkam, ich vollkommen zufrieden mit meinem jeweiligen Steak und dem stets freundlichen Service war. Immer freundlich, immer souverän, der Mann lebt Maredo. Daher war es auch kein Wunder, dass er den neuen Inhaber der Immobilie von seinen Plänen der Wiederbelebung überzeugen konnte. Noch haben nicht allzu viele Dortmunder dieses Comeback entdeckt, aber ich erhalte etwa über Facebook einige Mitteilungen, dass auch andere MAREDO-Restaurants wieder neu eröffnet haben. In Corona-Zeiten und mit den nuene 3G-Verschärfungen wird es sicher nicht einfach sein, die für den Fortbetrieb auch notwendigen Gästezahlen früherer Jahre wieder zu erreichen. An mir soll es jedenfalls nicht scheitern, ich bin wieder regelmäßig Gast im Dortmunder Restaurant. Danke, Herr Asici, für Ihren Einsatz!