Zweimal werden wir noch wach… (mit Update)

Ein komisches Gefühl. Nach 30 Jahren als angestellter Volontär, Redakteur, Chefredakteur und Pressesprecher beginnt am 1. Februar die nächste Phase – als freiberuflicher Journalist, Fotograf und Ideenschmied.

Was vorher geschah: die Pressestelle (die aus Me, Myself & I bestand) wird zum Februar aufgelöst. *) Die letzten drei Monate als „Geheimnisträger“ seit Oktober bei vollem Gehalt freigestellt, daheim den Schock verdauend und neue Pläne machen, andenken, zweifeln, verwerfen. Allein über diesen Zeitraum lohnt ein Buch, vielleicht später mal. Also die ersten zwei, drei Bewerbungen meines Lebens schreiben. Bisher wurde ich nur abgeworben und musste mich nicht selbst anbieten. Mit 60 wohlgemerkt, auch wenn ich mich selbst deutlich jünger fühle. Und 200 Bewerbungen am Fließband versenden? Ich will doch nur einen Job, nicht so drängeln. Mich gut verkauft im Vorstellungsgespräch, aber zumindest diesmal überqualifiziert und (wäre ich angenommen worden) unterbezahlt.

Konzentrieren wir uns also auf das Wesentliche des journalistischen Einzelkämpfertums – das erlernte und erfahrene Fachwissen, das Handwerk des Schreibens und Editierens und dazu spannende Fotos zu liefern. Offenbar habe ich auch nach fünf Jahren Pause oder dem Stuhl auf der anderen Schreibtischseite noch genügend Kontakte in diese verschworene Branche, um sofort Nachfragen nach dem noch frisch wieder eingetroffenen Angebot zu bekommen (Anmerkung: natürlich gibt es nie „genügend“ Kontakte, wer will nochmal, wer hat noch nicht?).

Dazu noch das ebenso wichtige Drumherum: den 10 Jahre alten PC ersetzen, neue Programme installieren und offenbar doch nicht gesicherten Altdaten nachtrauern.  Zwischendrin Regale aufbauen, die Espressomaschine tunen, Büromaterial einkaufen und die Steuerberaterin mit naiven Fragen eindecken, die sie geduldig klärt. Zig Bücher zur Existenzgründung durchstöbern, jede Menge über notwendige rechtliche Pflichten, das Steuerrecht, die Künstlersozialkasse und Zuschussmöglichkeiten lernen. Die ersten Aufträge (demnächst u.a. in VISIER) abwickeln und sich den Spaß am Schreiben zurückerobern.  Ein Geschäftskonto eröffnen, als die ersten Honorare eintreffen und als Gründer natürlich am Businessplan feilen. XING erweist sich mit einem überraschend guten Netzwerk als äußerst hilfreich (die Gruppe in Dortmund hat über 5000 Mitglieder aus allen Sparten). Natürlich muss heutzutage ein Blog her, auch wenn absehbar wenig Zeit für Einträge bleiben dürfte. Und den Twitter-Account reaktivieren, Instagram zumindest beobachten und die Branchenwelt per Web, Newsletter und die Social-Media-Kanäle in mein Home Office strömen lassen. Und Silvester den gut 30 Jahre alten Bart killen.

Kurzum: here I am again, stay tuned.

*) Update am 13.3.2018: Der guten Ordnung halber: Die Pressestelle wurde inzwischen wieder neu besetzt, wie sich auf der IWA zeigte. Die „Auflösung“ diente nur als halbherzige Kündigungsbegründung vor Gericht, jetzt ist (neutral betrachtet: gottseidank) wohl wieder der Realismus eingekehrt. Von den Reichen lernt man das Sparen, scheint’s. Vielleicht sollte ich der Nachfolgerin, die bisher in einer fachfremden Agentur textete, mal meine damalige Gehaltsstufe mitteilen, so als Motivation und Ausblick…

 

7 Antworten auf „Zweimal werden wir noch wach… (mit Update)“

  1. Sehr gut Uli, hau rein mit vollem Elan und mach Dir nichts aus der Zahl 60. Dein Glas ist halb voll und nicht halb leer, also sag lieber 2 mal 30. Ferdi sagte oft in der Geschäftsstelle in Hagen „Zügel lang, Pferde kloppen“, wenn es um irgend ein Tiefstart ging. Das wünsche ich Dir auch!!!
    LG Stefan/Ulm

  2. Glückwunsch zu deinem neuem Leben!
    Es wird bestimmt spannend. Sieh es mal so: Du bist noch nicht zu alt für ein weiteres Abenteuer. Sei einfach mutig und guck was passiert. Was kann dir schon groß passieren ? Du wohnst ja noch nicht einmal in dem kleinen gallischen Dorf, wo einem der Himmel auf den Kopf fallen könnte . Also auf zu neuen Ufern oder so.
    Ich habe in Bezug auf dein neues Leben nur eine Winzigkeit anzumerken:
    Ich kann mich daran erinnern, dass du irgendwann mal vor Urzeiten infolge einer Bartflechte, ich glaube es war um Weihnachten herum, deinen Bart entfernt hast. Du kamst die Treppe runter und Mama und ich standen in der Küchentür gucken uns nur entsetzt an und sagten: Lass dir wieder einen Bart stehen. Liebe Grüsse… Kerstin

  3. Lieber Uli,
    wie lange kennen wir uns jetzt? 20 Jahre?
    Durch dein optisches Tuning bist du jetzt wieder der „Alte“ 😉

    Spaß beiseite, unternehmerische Entscheidungen eine Pressestelle aufzulösen, in einem Unternehmen dieser Größenordnung, halte ich für „bedenklich“ um das mal so vorsichtig aus zudrücken. Und dann noch überqualifiziert, oder anders herum gesagt unterbezahlt zu sein, kann nur in einem etwas angestaubten, großen, nicht unternehmerisch geführten Laden vorkommen.

    Nun ja, wie es auch kommt du machst das schon, da bin ich mir sicher. Da du ja keine Scheuklappen auf hast, wird sich da schon das Eine oder Andere ergeben.

    Ich drücke dir die Daumen!

  4. Na dann, viel Glück und Erfolg, Uli! Mit 60 gehörst ohnehin zur jüngeren Generation hierzulande, es wächst ja nix nach, dank der Zeugungsverweigerer derer, die schon länger hier lieben …

    Alles Gute

    Walter

  5. Wie auch immer es nun so gekommen ist.

    Gefehlt hat der „Unverkennbar-UE-Stil“ mit der leises Schmunzeln auslösenden pointierten Wortwahl auf jeden Fall.

    Deine Aufbereitung eines Themas ist immer Konzentration darauf, die Essentials zu erklären ohne entweder die Nerds oder die Laien zu langweilen.

    Alles Gute für den Neustart 🙂
    gilmore

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